PRESS REVIEWS

GIARDINO DI ARTE

 

Der Frühling tanzt in den Sommer

 

Installation „Giardino die Arte (Garten der Künste) der Stoffkünstlerin Tina Cassati im Chinesischen Haus von Sanssouci

Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ) erschienen am 03.08.2016

 

Sanssouci. Die Orangerie von Sanssouci, die Neuen Kammern, die Pfaueninsel, waren Schauplätze für moderne Kunst. Nun gesellt sich das Chinesische Haus dazu. „ Giardino di Arte“ (Garten der Künste) ist der Titel einer Installation der Berlinerin Tina Cassati, die drei Seitenkabinette des Rundbaus mit märchenhaften Roben aus Stoff und Recyclingmaterial besetzt hat. Laut Dr. Samuel Wittwer, Direktor der Schlösser und Sammlungen der Schlösserstiftung, ist es das erste Mal, dass das Chinesische Haus für so ein Projekt geöffnet wurde.

 

Mit Stoff arbeitet Tina Cassati schon lange. Bisher gestaltete sie die Kostüme in ihrem Atelier in Berlin-Steglitz für Foto-Collagen, ihr bevorzugtes Medium. Thema ihrer Serie „Giardino di Arte“ ist der Wandel der Jahreszeiten. Die Robe „Frühling tanzt in den Sommer“, eine kunstvoll geraffte Wolke bunter Blüten über einem lehmfarbenen Saum aus Tüll, entstand in einer Gesamtzeit von sechs Jahren und ist mit mehr als 2,50 Meter Höhe das stattlichste Exemplar. Sommer, Spätsommer und Frühherbst finden sich in einem mit unzähligen Rosenblüten aus Häkelwolle besetzten Kleid, das komplettiert wird mit glitzerndem Tand und metallischen Vogelpräparaten. „Winter küsst den Frühling“ ist eine melancholische Kreation aus hellblauen Eisblütenschleifen. Cassati stammt aus Heiligendamm (Mecklenburg-Vorpommern) und verliebte sich schon als Kind auf Klassenfahrten ins Chinesische Haus. Seit 1989 lebt sie in Berlin. Seit 2010 arbeitet sie an dem Projekt, 2014 nahm sie Kontakt zur Stiftung auf. V.O.

 

 

Zwecklose Schönheit als Prinzip

von Klaus Büstrin

Tagesspiegel / Potsdamer Neueste Nachrichten / erschienen am 04.08.2016 auf Seite 24

 

Freidrehende Lust. Rokoko-Roben, ins Unermessliche gesteigert:

Die Berliner Künstlerin Tina Cassati zeigt eine Ausstellung im Chinesischen Haus.

 

Sorgenfrei, ja glückselig, wirken die Tee trinkenden, plaudernden und musizierenden Figuren. Vor rund 250 Jahren sind sie um das Chinesische Haus im Park Sanssouci herum postiert worden. Friedrich der Große ließ sich den zu Stein gewordenen Traum von grenzenloser Harmonie in den Jahren 1755 bis 1764 nach eigenen Skizzen von Baumeister Johann Gottfried Büring errichten. Die Chinoiserie, eine Dekorationsform im „Chinageschmack“, war in Europa zur Zeit des Rokoko ein beliebter Ausdruck des spielerischen Lebensgefühls.

 

In der Gesellschaft von Fantasiechinesen und -chinesinnen ließ es sich gut dinieren und diskutieren. So speiste der König im Gartenpavillon mit seinen Schwestern, wenn sie zum Familientreffen nach Potsdam kamen. Und er empfing hier seinen getreuen Lord George Keith zum Gespräch, dem es wegen seiner Gichtbeschwerden immer schwerer fiel, das Schloss Sanssouci auf dem Weinberg zu besuchen. Von der dekorativen Szenerie des Gartenpavillons hat sich nun die Berliner Künstlerin Tina Cassati, die aus Mecklenburg-Vorpommern stammt und schon in Kindheitstagen das Chinesische Haus besuchte, inspirieren lassen – und ihr ihr eigenes fantasievolles Spiel hinzugesellt: Drei aufwendig gestaltete Roben haben in den Kabinetten, die sich rund um den Saal befinden, Platz gefunden.

 

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Potsdam Sanssouci machte in den vergangenen Jahren immer wieder den textilen Modegeschmack des Rokoko und des Klassizismus zum Thema von Präsentationen. Sie wurden begleitet mit Kommentaren aus heutiger Sicht. So kam etwa 2012 anlässlich der Ausstellung zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen die belgische Künstlerin Isabelle de Borchgrave ins Neue Palais, um das Theaterstück des Königs „Der Modeaffe“ mit aus Drahtgestellen gebauten Figuren, die mit bemalten Papierroben angekleidet wurden, in Szene zu setzen. Das Leben des 18. Jahrhunderts – natürlich nur das der oberen Kreise – wurde oft als Verkleidung, Versteckspiel, Karneval oder Komödie gefeiert. So verschwenderisch an Materialien und Formen wirkte die Garderobe, so lustvoll wurden Pracht und Schönheit jenseits aller Zweckmäßigkeit eingesetzt, dass es bis heute die Fantasie anregt.

 

Die überdimensionalen Festkleider Tina Cassatis lassen die überhöhten Formen des Rokoko noch weiter ins Unermessliche schwingen. Spitzen, Stickereien, Bänder und Schmuckbesätze sowie viel Flitter schmücken die Organza-, Tüll- und Steppstoffe, die Tina Cassati für ihre Roben ausgewählt hat. Die meisten hat sie aus Resten recycelt und über die Reifrockgestelle gezogen. Der weit ausgestellte Reifrock übrigens hatte immer etwas Gnädiges – er sollte in der Rokokozeit auch manch körperliche Unebenheiten der Frauen elegant verdecken.

 

Was bei Tina Cassati natürlich und bewegt scheint, sei raffiniert komponiert und aus Stein und Metall fest gefügt, sagt Samuel Wittwer, Direktor der Schlösser und Sammlungen. „Alles ist Kulisse im besten Sinn, eine fantasievolle Hülle, die in ihrem Spiel zwischen Natur und Kultur alle Sinne anregt.“ Die Künstlerin, die in Berlin-Steglitz wohnt und arbeitet, fand für ihre Ausstellung den Titel „Im Garten der Kunst“.

 

Schon vor sechs Jahren hatte Tina Cassati den Gedanken, so prachtvolle Roben zu schaffen. Nachdem Samuel Wittwer zugestimmt hatte, begann sie die Kleider in unendlicher Fitzelarbeit zu nähen. Nun nehmen sie die Kabinette fast voll in Beschlag, treten in einen wunderbaren Dialog mit den dekorativen Wandverkleidungen. Auch der große Kronleuchter in der Mitte des Speisesaals ist mit einer duftig wirkenden Blütenpracht aus Organzastoffen teilweise verkleidet. Die von Thomas Huber gemalten Chinesen beobachten von der Decke herab wohlwollend das Geschehen im Saal. Die Affen und die Papageien springen dazwischen, als ob sie dem Besucher sagen wollen: Solch ähnlichen Kleider haben wir hier schon einmal gesehen – vor 250 Jahren. Aber damals gab es bereits auch viel Schein und Sein. Klaus Büstrin

http://www.pnn.de/potsdam-kultur/1101191/

 

 

Sanssouci: Sorglos in den Gärten der Könige

von Andrea Huber

Berliner Morgenpost / erschienen am 06.08.2016

 

aus Sommerserie:

… „Brav steige ich vom Rad ab, denn Fahren ist im Park nur auf den asphaltierten Wegen erlaubt, und schiebe es bis zum Chinesischen Haus. Im Inneren des goldglänzenden Pavillons sind seit ein paar Tagen drei knallbunte Kleider-Kunstwerke der Berliner Künstlerin Tina Cassati zu sehen. Die verspielten Roben passen gut zu den fröhlichen Rokoko-Deckengemälden mit ihren exotischen Pflanzen und Tieren.“ …

 

 

Fantasievolles Spiel mit Illusionen

Im Chinesischen Haus haben die Kunstwerke von Tina Cassati ihren großen Auftritt

von Ortrun Egelkraut

 

 Besuchermagazin „sans,souci.“

Das Magazin der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

Ausgabe Oktober bis Dezember 2016

  

Was ist Illusion, was schöner Schein, was Realität? Als Friedrich der Große seinem Baumeister Johann Gottfried Büring 1755 eigene Skizzen für einen Gartenpavillon im exotischen Stil übergab, waren Chinoiserien in Europa groß in Mode. Das Chinesische Haus im Park Sanssouci hat seinen kleeblattförmigen Grundriss von einem französischen Vorbild übernommen. In den Nischen unter dem zeltartigen Kupferdach lagern, an Palmen gelehnt, in kleinen Gruppen lebensgroße Gestalten in asiatisch anmutenden Gewändern. Sie trinken Tee, bewundern eine Ananas, führen Gespräche und werden von Musikanten, die zwischen den Fenstern stehen, auf unterschiedlichen Instrumenten begleitet. Die „Chinesen“ sind ebenso aus vergoldetem Sandstein wie die Palmen, die als verkleidete Säulen das Dach tragen. Während draußen eine feierlich getragene Stimmung zu herrschen scheint, geht es im kreisrunden Innenraum fröhlicher zu. Über den Fenstern machen sich in Stuck geformte und vergoldete Äffchen an Musikinstrumenten zu schaffen. Noch mehr Affen toben, von Papageien, anderen bunten Vögeln, von Blumenschmuck und Früchten umgeben, auf dem Deckengemälde in der Kuppel zwischen einer illustren fernöstlichen Gesellschaft: Neugierig beugen sich einige Damen und Herren von der gemalten Brüstung hinunter in den Saal auf die reale königliche Gesellschaft, die dort gelegentlich im Sommer zu tafeln pflegte. Sicher trugen die Damen bei einem solchen Anlass kostbare Rokokokleider.

 

Diese Kulisse bildet den passenden Rahmen für den „Garten der Künste“ (Giardino di Arte) der Berlinerin Tina Cassati. 

 

In jedem der drei Kabinette überrascht, fest verankert auf stabilem Reifrock, ein überdimensionales, festliches Kleid, von Rokoko-Motiven inspiriert. Bei genauem Hinsehen lässt sich eine Vielzahl handgefertigter Ornamente entdecken: Rüschen, Blüten, Spitzen aus Seide, Tüll und recycelten Stoffen, kombiniert mit alltäglichen Fundstücken und Accessoires – ein Traum von einem Kleid, das nicht zum Tragen gedacht ist.

 


 

 

 

 

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